© RHENUS · Struktur & Referenz
Renatus-Rhenus von Felshaken

Wenn die Vermittlung nicht zum eigenen Vollzug wird

Über die Differenz zwischen dem, was ein Mensch vermittelt, und dem, was er selbst tatsächlich integriert hat und somit verkörpert.

Es gibt Begegnungen, in denen zunächst alles stimmig erscheint.

Jemand spricht klar. Er kennt die Begriffe. Er kann Zusammenhänge erklären, verfügt über eine entsprechende Ausbildung und hat vielleicht viele Jahre damit verbracht, sich mit einem bestimmten Themenbereich zu beschäftigen.

Er erklärt anderen, wie Kommunikation funktioniert. Wie Konflikte gelöst werden können. Wie Selbstbestimmung entsteht, Klarheit gewonnen oder Veränderung vollzogen wird.

Vielleicht besitzt er Zertifikate dafür.

Vielleicht trägt er eine Berufsbezeichnung.

Vielleicht hat er sogar eine Akademie gegründet.

Und zunächst gibt es keinen Grund, daran etwas in Frage zu stellen.

Bis man diesen Menschen irgendwann außerhalb dessen erlebt, was er vermittelt.

Vielleicht in einem Konflikt.

Vielleicht in einer privaten Situation.

Vielleicht genau dort, wo keine vorbereitete Methode mehr zwischen ihm und der Gegebenheit steht.

Und plötzlich zeigt sich etwas, das mit dem vermittelten Bild nicht mehr ohne Weiteres übereinstimmt.

Dann wird nicht mehr entscheidend, was ein Mensch über eine Struktur weiß. Entscheidend wird, was davon in seinem eigenen Vollzug tatsächlich vorhanden ist.

Die Bezeichnung ist nicht der Vollzug

Ein Mensch kann sich Kommunikationscoach nennen und trotzdem im eigenen Konflikt nicht kommunizieren können.

Er kann Selbstbestimmung vermitteln und selbst vollständig an fremde Strukturen gebunden sein.

Er kann Klarheit lehren und gleichzeitig aus ungeklärten Zusammenhängen heraus handeln.

Er kann Ordnung vermitteln und seine eigene Ordnung nur deshalb aufrechterhalten, weil ein Konzept ständig daran erinnert, wie sie hergestellt werden soll.

Daran ist zunächst nichts Außergewöhnliches.

Kein Mensch muss vollständig sein, bevor er etwas weitergeben darf.

Auch jemand, der selbst noch unterwegs ist, kann für einen anderen etwas sichtbar machen.

Die Frage entsteht an einer anderen Stelle.

Nämlich dort, wo aus dem Wissen über eine Struktur der Anspruch entsteht, diese Struktur selbst bereits vollständig zu tragen.

Ein Zertifikat macht aus einem Konzept keine Gegebenheit. Und eine Bezeichnung macht aus einem Menschen noch keine Verkörperung der Struktur, die er zu vermitteln behauptet.

Ein Konzept kann gelernt werden.

Eine Methode kann eingeübt werden.

Eine Bezeichnung kann erworben werden.

Der eigene Vollzug jedoch zeigt sich nicht dadurch, dass man ihn benennen kann.

Er zeigt sich dort, wo ein Mensch handelt, reagiert, entscheidet und sich bewegt.

Man kann etwas perfekt erklären und es trotzdem nicht integriert haben.

Vielleicht liegt genau hier eine der merkwürdigsten Verschiebungen unserer Zeit.

Wir haben gelernt, Wissen sehr leicht sichtbar zu machen.

Man kann etwas erklären.

Man kann darüber sprechen.

Man kann eine Präsentation daraus machen, ein Seminar, eine Ausbildung oder ein Geschäftsmodell.

Und je besser jemand das kann, desto leichter entsteht der Eindruck, dass das Erklärte auch im eigenen Zusammenhang entsprechend vorhanden sein müsse.

Aber das eine folgt nicht zwingend aus dem anderen.

Ein Mensch kann sehr genau wissen, was Kommunikation ist, und trotzdem nicht kommunizieren können, wenn es für ihn selbst schwierig wird.

Er kann anderen erklären, wie Grenzen gesetzt werden, und selbst keine tragfähige Grenze finden.

Er kann Veränderung vermitteln und gleichzeitig sein eigenes Leben aus Strukturen heraus wiederholen, die er längst erkannt zu haben glaubt.

Das vermittelte Konzept ist nicht dasselbe wie die eigene Gegebenheit.

Und genau diese Differenz bleibt häufig unsichtbar, solange nur darüber gesprochen wird, was jemand weiß.

Sie wird erst sichtbar, wenn man auf das schaut, was sich tatsächlich vollzieht.

Der Vollzug beginnt dort, wo das Konzept nicht mehr schützt

Es gibt Situationen, in denen sich sehr schnell zeigt, welche Struktur tatsächlich trägt, also integriert ist und verkörpert wird.

Nicht dann, wenn alles vorbereitet ist.

Nicht während eines Seminars.

Nicht in der Rolle desjenigen, der erklärt.

Sondern dann, wenn etwas geschieht, das nicht vorgesehen war.

Ein Konflikt.

Eine Zurückweisung.

Eine Grenze.

Ein Verlust von Kontrolle.

Eine nicht eingehaltene Vereinbarung.

Eine Situation, in der keine vorbereitete Antwort mehr genügt.

Dann tritt häufig etwas hervor, das vorher hinter Rolle, Sprache und Konzept verborgen bleiben konnte.

Nicht, weil damit der Mensch „entlarvt“ wäre.

Sondern weil der Vollzug sichtbar macht, welche Struktur im eigenen Zusammenhang tatsächlich tragfähig ist und wirkt.

Der Vollzug zeigt nicht den Anspruch. Er zeigt die kohärente Substanz.

Dabei geht es nicht um einen einzelnen schlechten Moment.

Jeder Mensch kann scheitern, widersprüchlich handeln oder hinter dem zurückbleiben, was er bereits erkannt hat.

Entscheidend ist der Zusammenhang, der sich wiederholt.

Was erscheint immer wieder?

Was bleibt bestehen, wenn das Konzept gerade nicht bewusst angewendet wird?

Welche Struktur trägt den Menschen tatsächlich durch seinen eigenen Alltag?

Wenn Semiwissen zur Kompetenz erklärt wird

Besonders schwierig wird es dort, wo ein begrenzter Ausschnitt von Wissen plötzlich zur vollständigen Erklärung eines Zusammenhangs wird.

Ein Mensch weiß immer nur einen Teil dessen, was überhaupt erkannt werden kann.

Das ist keine Schwäche.

Es ist die Bedingung jeder Erkenntnis.

Problematisch wird es erst, wenn die Größe des eigenen Nichtwissens verschwindet und nicht mehr erkannt wird.

Dann kann jemand mit großer Sicherheit sprechen, überzeugend argumentieren und fachlich korrekt klingende Begriffe verwenden – und trotzdem innerhalb eines sehr kleinen Ausschnitts bleiben.

Mein Vater sagte früher gelegentlich:

„Der Einäugige ist unter den Blinden König.“

Darin liegt etwas Treffendes.

Wer ein wenig mehr sieht als andere, kann innerhalb dieses Vergleichs tatsächlich überlegen erscheinen.

Aber daraus folgt nicht, dass er deshalb bereits den gesamten Zusammenhang sieht.

Relative Überlegenheit ist kein Beweis für umfassende Erkenntnis.

Genau an dieser Stelle kann Semiwissen gefährlich werden.

Nicht weil jemand wenig weiß.

Sondern weil er genug weiß, um sich sicher zu fühlen, aber noch nicht weit genug gelangt ist, um die Grenzen seines Wissens wieder erkennen zu können.

Wenn daraus dann eine professionelle Kompetenz, eine Autorität oder sogar ein Anspruch auf Deutungshoheit entsteht, verschiebt sich etwas Grundlegendes.

Das Konzept wird zur Autorität.

Die Bezeichnung wird zum Kompetenznachweis.

Und die eigene Sicht wird zum Maßstab für andere.

Wenn Vermittlung größer wird als das, was vermittelt wird

Manche Menschen bauen ihr berufliches Tätigkeitsfeld genau um jene Themen herum auf, die in ihrem eigenen Leben eine große Bedeutung besitzen.

Das ist zunächst verständlich.

Ein Mensch beschäftigt sich mit etwas, weil es ihn betrifft, bewegt oder interessiert.

Er lernt darüber.

Er sammelt Erfahrungen.

Er entwickelt vielleicht eine Sprache dafür und beginnt irgendwann, diese Erkenntnisse an andere weiterzugeben.

Darin liegt zunächst nichts Problematisches.

Die entscheidende Frage lautet lediglich:

Wird hier etwas aus eigener tragender Substanz vermittelt – oder wird ein Konzept vermittelt, das für den eigenen Zusammenhang selbst noch aufrechterhalten werden muss?

Denn wenn jemand Klarheit ständig durch ein Konzept herstellen muss, ist die Frage berechtigt, ob Klarheit bereits tragende Gegebenheit geworden ist.

Wenn Selbstbestimmung immer wieder erinnert werden muss, stellt sich die Frage, ob sie bereits aus dem eigenen Zusammenhang heraus vollzogen werden kann.

Und wenn Kommunikation nur gelingt, solange eine Methode bewusst angewendet wird, bleibt offen, was geschieht, wenn die Methode nicht mehr zwischen dem Menschen und der Situation steht.

Was vollständig integriert ist, muss nicht dauerhaft als Konzept aufrechterhalten werden.

Der eigene Vollzug als Referenz

Damit verändert sich auch die Frage, woran eine Struktur erkannt werden kann.

Nicht allein daran, wie überzeugend jemand darüber spricht.

Nicht daran, wie viele Zertifikate vorhanden sind.

Nicht daran, wie erfolgreich eine Bezeichnung aufgebaut wurde.

Und auch nicht allein daran, wie viele Menschen jemandem folgen oder ihn weiterempfehlen.

All das kann etwas bedeuten.

Aber es ersetzt keine strukturelle Prüfung.

Diese beginnt dort, wo Vermittlung und eigener Vollzug miteinander verglichen werden.

Der eigene Vollzug wird zur Referenz.

Nicht als moralisches Urteil.

Nicht als Forderung nach Perfektion.

Sondern als einfache strukturelle Frage:

Was von dem, was vermittelt wird, ist im eigenen Zusammenhang tatsächlich tragfähig vorhanden?

Man kann einem anderen etwas erklären.

Man kann ihm einen Zusammenhang zeigen.

Man kann ihm eine Methode vermitteln.

Aber den eigenen Vollzug kann niemand stellvertretend übernehmen.

Und vielleicht liegt genau darin die Grenze jeder Vermittlung.

Sie kann etwas sichtbar machen.

Sie kann einen Zugang eröffnen.

Sie kann einen Bezugsraum erweitern.

Aber was daraus im Menschen selbst wird, entscheidet sich nicht in der Vermittlung.

Es entscheidet sich dort, wo das Erkannte nicht mehr nur gewusst, sondern aus der eigenen Gegebenheit heraus vollzogen werden kann.

Denn zwischen dem, was ein Mensch vermitteln kann, und dem, was er selbst trägt bzw. zurück-integriert hat, kann eine erhebliche Differenz liegen.

Der Vollzug macht sie sichtbar.

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